Edito
rial

Ines Mahnke

Geschäftsführerin Lebenshifewerk Mölln-Hagenow

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

WÜRDE – das ist ein großes, wunderschönes, würdevolles Wort. Überall begegnet uns der Begriff der Würde. Sogar im Grundgesetz ist es verankert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Ich habe geglaubt zu wissen, was Würde ist – bis ich angefangen habe, mich ernsthaft mit seiner Bedeutung auseinander zu setzen.

In Vorbereitung auf die Dialogkonferenzen habe ich viel über die Würde gelesen und nachgedacht. Ich habe mich mit Kolleginnen und Kollegen, Freunden und meiner Familie über die Würde unterhalten. Und je mehr Zusammenhänge, Definitionen und Sichtweisen ich mir vornahm, desto mehr Fragen entstanden in meinem Kopf: Was ist die Würde eigentlich? Besitzen nur Menschen, oder auch Tiere eine Würde? Und wenn wir doch glauben, dass der Mensch nach Gottes Ebenbild erschaffen wurde und deshalb über eine angeborene, unveränderliche Würde verfügt, warum sagen wir dann, dass wir unsere Würde verlieren können? Oder dass jemand würdevoller auftritt als jemand anderes? Ist die Würde am Ende nur eine Erfindung – eine Selbstbestätigung für uns Menschen, weil wir uns als etwas Besseres oder Höheres fühlen wollen?

Wir haben Experten aus unserem Umfeld gefragt – BewohnerInnen, Beschäftigte und KlientInnen sowie MitarbeiterInnen aus dem Lebenshilfewerk-Verbund und externe Partner aus den Bereichen der Kirche, der Verwaltung und der Wirtschaft.

Es gibt keine allgemein gültige Antwort auf die Frage, was genau die Würde des Menschen eigentlich ist. Christen geben eine andere Antwort als Atheisten, Neurologen verstehen unter dem Wort etwas anderes als Philosophen.

Es gibt sie, die Würde. Da bin ich mir ganz sicher. Sie ist da, sie ist in uns, in jedem einzelnen von uns gleichermaßen. Jedem Menschen wohnt die gleiche Würde inne.

Wenn ich in meinem Vorwort über die Würde spreche, dann möchte ich Sie inspirieren, im SPEKTRUM 2019 weitere Gedanken zum Thema WERT DER WÜRDE zu entdecken und Anregungen zum eigenen Nachdenken zu erhalten. Viel Spaß dabei!

Ihre Ines Mahnke
Geschäftsführerin

Kenn
zahlen
2019

Wohnen

205
BewohnerInnen in den Wohnstätten
BewohnerInnen in der Pflege- und Fördereinrichtung:
39
179+20
KlientInnen im ambulant Betreuten Wohnen
Senioren in den Seniorentagesstätten:
21

Arbeit

50+3
Menschen mit Behinderung arbeiten in der Betriebsstätte am Hasselort
Belegte Werkstattplätze im Lebenshilfewerk
884
10
10 Beschäftigte im Café Marie
Menschen werden in Tagesförderstätten / Tagesgruppen des LHW betreut
63

Elementar

332+10
Kinder wurden Ende 2019 in Kitas betreut
Kinder in der Pädagogischen Frühförderung Schneiderschere
128
95
Kinder in der Pädagogischen Frühförderung Hagenow
Kinder werden über die Beratungsstelle für Integration gefördert
60

Inter
view
Teil 1

Werte wachsen
Lassen

Interview Iris Mahnke, Max Mustermann

Interview mit Klaus Schlie und Ines Mahnke

Klaus Schlie und Ines Mahnke sprachen in der historischen Kulisse des Stadthauptmannshofs in Mölln über den Wert der Würde, das Bundesteilhabegesetz und was sich durch Corona verändert hat.

Herr Schlie, Sie sind der Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages. Aber bis 1996 haben Sie als Lehrer gearbeitet. Welche Fächer haben Sie unterrichtet?

Schlie: Ich bin von Beruf Realschullehrer, habe Deutsch, Wirtschaft/Politik und Geschichte unterrichtet. Aus persönlichem Interesse kam dann noch Technisches Werken dazu – ich bin selbst begeisterter Handwerker. Das hat mir viel Freude gemacht.

Sie sind mit 17 Jahren in die Junge Union eingetreten, kurze Zeit später in die CDU. Warum?

Schlie: Meine Mutter und meine Großeltern mütterlicherseits kommen aus Ost- und Westpreußen – sie sind also Vertriebene. Mein Vater ist geborener Möllner aus dem Mittelstand. In unserer Familie spielte Politik also eine wichtige Rolle. Das hat mich als jungen Menschen geprägt, und ich wollte selbst aktiv werden.

Wie lange sind Sie schon mit dem Lebenshilfewerk verbunden?

Schlie: Ich habe wirklich gekramt in meiner Erinnerung, aber ich kann mich nicht mehr an einen bestimmten Zeitpunkt erinnern. Aber mit Sicherheit jahrzehntelang! Ich kenne das Lebenshilfewerk aus seinen Anfangsjahren. In den 70er und 80er Jahren wurde die Debatte um Menschen mit Behinderungen noch ganz anders geführt, sehr emotional und zum Teil wirklich menschenverachtend. Das hat mich als jungen, politisch engagierten Menschen sehr aufgeregt und geärgert.

Klaus Schlie

Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages
Kurz-Portrait Klaus Schlie

Mahnke: 1973 ging es ja los mit den Anfängen des Lebenshilfewerks, seit 40 Jahren gibt es die GmbH.

Schlie: Kurz danach habe ich bereits Einrichtungen besucht, und der Kontakt ist seither nie abgerissen, sondern immer tiefer geworden. Zwei unserer drei Kinder waren im integrativen Kindergarten Schneiderschere. Die Verbindung zum Lebenshilfewerk wurde immer enger, auch durch die Beziehung zu Hans-Joachim Grätsch, den ehemaligen Geschäftsführer des LHW. Der vorläufige Höhepunkt unserer gemeinsamen Arbeit war sicher der Robert-Koch-Park, ein vollständig integrativer Stadtteil mitten in Mölln für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen. Dieses Projekt war und ist ungeheuer wertvoll. Es sollte viel mehr Stadtteile wie den Robert-Koch-Park geben.

Mahnke: Ich erinnere mich auch daran, dass Du immer bei Veranstaltungen auf dem Arche-Hof dabei waren, obwohl das ja zu Mecklenburg-Vorpommern gehört.

Ines Mahnke

Geschäftsführerin Lebenshilfewerk Mölln-Hagenow
Kurz-Portrait Ines Mahnke

Schlie: Das hat natürlich etwas mit der eigenen Einstellung zu dem Thema „Menschen mit Behinderung“ zu tun. Hier die Dinge voranzubringen, ist in erster Linie eine persönliche Überzeugung, und meine politische Position kann etwas bewegen. Heute sieht man die Veränderungen in der Akzeptanz von Menschen mit Behinderung, einen gewissen Wertewandel, auch wenn wir noch lange nicht am Ziel sind.

Spektrum 2019 Interview, Ines Mahnke

„Die Akzeptanz von Menschen mit Behinderungen wächst, aber wir sind noch lange nicht am Ziel.“

Inter
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Teil 2

Die Würde des Menschen

Apropos Werte: Im Jahr 2019 haben Sie, Frau Mahnke, sich im Rahmen der Dialogkonferenzen im Lebenshilfewerk intensiv mit dem „Wert der Würde“ beschäftigt. Paragraf 1 Absatz 1 des Grundgesetzes sagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Was bedeutet Ihnen dieser Satz, Herr Schlie?

Schlie: Dieser Satz begleitet mich von Anfang an. Er hat eine solche Kraft und Wucht, er ist der Kern unserer demokratischen Ordnung. Und es ist noch nicht lange her, dass eben nicht alle Menschen als gleich an Würde angesehen wurden. Dass der Begriff der „Menschenwürde“ nicht so richtig zu fassen ist, finde ich sogar gut! Denn er ist ständig neuen Herausforderungen gegenübergestellt. An uns als Staat, an die Rechtsprechung und Gesetzgebung, aber vor allem an uns alle als Gesellschaft. Dieser Satz, er gilt für alle. Die Würde hört nicht auf.

Mahnke: Ausgangspunkt für die Dialogkonferenzen im letzten Jahr war das Bundesteilhabegesetz. „Der Mensch mit Behinderung ist selbstbestimmt“, ist eine Kernaussage dieses Gesetzes. Er entscheidet, ob und wieviel Unterstützung er will. Und der Ausgangspunkt bei gleichberechtigter Teilhabe ist eben: die Würde des Menschen und der Wert, den wir der Würde beimessen. Wir haben also für uns Leitlinien und Grundlagen erarbeitet, die für unsere Arbeit – und unser Leben – Relevanz haben sollen. Aus diesen Gedanken heraus entstand das sogenannte „Wertetreibhaus“: Welche Atmosphäre muss herrschen, damit Werte wie Respekt oder Hilfsbereitschaft in uns und in unserer Gesellschaft wachsen können?

Spektrum 2019 Interview

"Der Abbau von Barrieren ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen.“

Haben Sie einen „Lieblingswert“?

Mahnke: Für mich war Respekt einer der wichtigsten Werte. Heute habe ich noch einmal überlegt, und ich glaube, ich würde heute vielleicht eher auf Güte setzen. Da steckt für mich sehr viel drin: Verständnis, Liebe, Nachsicht, Empathie, Abstand, Unaufgeregtheit. Je nach Herausforderung, meiner Situation oder der Umstände kann sich aber manchmal verändern, welcher Wert für mich ganz besonders im Fokus steht.

Schlie: Das ist spannend, dass Du das sagst. Ich bin auch zu der Auffassung gelangt, dass es den Wert, der über allen anderen steht, eigentlich nicht gibt. Es ist von der Situation, vom eigenen Lebenslauf usw. abhängig. Aber das Entscheidende ist, dass ein Wertesystem in einer Gesellschaft existiert, das Streben nach Gerechtigkeit, nach Solidarität, nach Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit – all das. Und wir müssen diese Werte konkret in Rechte und Pflichten übersetzen, nur so können wir sicherstellen, dass unsere gesellschaftlichen Werte auch im täglichen Leben für alle gleich gelten – auch und insbesondere für die Menschen, die vielleicht aufgrund einer Behinderung oder anderer Einschränkungen benachteiligt sind.

Mahnke: Wir sind auch alle immer wieder dazu aufgefordert, uns selbst zu hinterfragen. Manche von uns sind schon so lange im Lebenshilfewerk – und immer wollten wir nur das Beste für die uns anvertrauten Menschen. Doch auch wir sind nicht frei von Vorurteilen, von überkommenen Denkmustern. Selbstbestimmung, Inklusion – das war vor 30 Jahren noch kein großes Thema. Damals agierten auch wir eher unter der Prämisse: Wir als Einrichtung wissen am besten, was gut für den Menschen mit Behinderung ist. Wir wollten ihn beschützen und an die Hand nehmen. Das ist heute überholt. Wir müssen akzeptieren und unterstützen, wenn ein Mensch sagt: Ich will eure Hilfe nicht.

Inter
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Teil 3

Das Bundesteilhabe-
gesetz

Das Bundesteilhabegesetz hat viel verändert und in Gang gesetzt. Wo sehen Sie aktuell noch die größten Herausforderungen?

Mahnke: Tatsächlich in der Beteiligung der Menschen mit Behinderung. Es ist eine riesige Herausforderungen, diese grundlegenden strukturellen Veränderungen in Gang zu setzen und zu implementieren, ohne dies über die Köpfe vieler Menschen mit Behinderung hinweg zu tun. Nicht alle Menschen werden beteiligt oder gehört, sondern sind diesen Veränderungen ein Stück weit ausgeliefert. Diejenigen, die beteiligt worden sind, waren Sprecher für Menschen mit Behinderung, natürlich. Aber es gibt ja auch Menschen, die mehrfach schwerst behindert sind und sich kaum äußern können – da habe ich die Sorge, dass die Veränderungen, die eigentlich Verbesserungen bringen sollen, nicht im gleichen Maß positive Auswirkungen haben.

Schlie: Es ist natürlich auch eine besondere Herausforderung, diesen Teilhabebegriff, der sehr abstrakt ist, in die Realität umzusetzen. Das Thema „Leichte Sprache“ zum Beispiel ist eine riesengroße Herausforderung. Ich sage es ganz ehrlich: Es ist in unserer komplexen, sehr stark durch Rechtsordnung geprägten Gesellschaft nicht möglich, Leichte Sprache überall anwendbar zu machen. Es geht nicht, und es wäre falsch, so zu tun, als ginge es. Wir haben es versucht. Aber der Text wird so unendlich lang, dass auch das für Menschen mit Behinderung eine absolute Zumutung ist.

Mahnke: Es kommt ja auch hinzu: Was für den einen noch verständlich ist, ist es für den anderen nicht. Ebenso wie sich Behinderungen auf diversen Spektren bewegen, gilt das auch für die Sprachkompetenz. Hier gibt es nicht die eine Lösung, die für alle optimal ist.

Schlie: Deswegen darf man natürlich nicht kapitulieren. Wir müssen uns immer weiter bemühen, möglichst vieles für möglichst viele Menschen zugänglich und barrierefrei zu machen. Aber das erfordert sehr individuell abgestimmte Lösungen – sei es bei der Leichten Sprache oder auch bei Themen wie Werkstätten, Arbeit, Wohnen.

Spektrum 2019 Interview, Klaus Schlie

„Die Menschenwürde gilt für alle. Sie hört niemals auf.“

Mahnke: Genau. Die Frage nach der Notwendigkeit von Werkstätten stellt sich ja immer wieder. Und ich sage ganz klar: Wenn die Gesellschaft – das heißt die Politik, die Mitmenschen, die Gesetzgebung – will, dass Menschen mit unterschiedlichsten Formen der Behinderung und Einschränkung auf dem ersten Arbeitsmarkt ihren Platz finden, dann brauchen wir keine Werkstätten mehr. Aber dafür braucht es neben gesellschaftlicher Akzeptanz auch schlicht und ergreifend eine Menge Budget. Denn diese Menschen müssen zum Teil sehr eng begleitet, unterstützt, manchmal auch geschützt werden, und dafür müssen die Ressourcen da sein.

Warum stellen eigentlich die großen Parteien – unter anderem auch die CDU – nicht einmal ihre politischen Kernbotschaften in Leichter Sprache online zur Verfügung? Der Landtag schafft das ja auch, dort sind Informationen verfügbar.

Schlie: Das stimmt, das ist wirklich ein Versäumnis. Wir haben zwar vor der letzten Landtagswahl das Wahlprogramm in Leichte Sprache übertragen lassen, aber das kann nur ein erster Schritt sein. Es sollten tatsächlich auf den Webseiten der Parteien dauerhaft Informationen in Leichter Sprache zugänglich sein. Im Landtag sind wir auf einem guten Weg – mehr aber auch nicht. Auch dort haben wir noch viel Nachholbedarf.

Mahnke: Man sollte ja denken, dass wir im Lebenshilfewerk den Bogen raus haben – aber das ist nicht immer so. Auch wir bemühen uns, kontinuierlich Schwellen abzubauen, in unseren Einrichtungen ebenso wie in unseren Köpfen. Wichtig ist, dass man die Schwachstellen erkennt und daran arbeitet, im Sinne der Menschen mit Behinderung.

Spektrum 2019 Interview, Ines Mahnke

„Mit den Menschen verbunden zu bleiben – das war und ist mir wichtig.“

Inter
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Teil 4

Was hat sich durch Corona verändert?

Corona hat in den letzten Wochen und Monaten viel verändert. Wie schätzen Sie die Situation heute ein?

Mahnke: Wir mussten alles schließen, alle Werkstätten, Kitas, Krippen uns so weiter. Das war für die Menschen schlimm und in dieser Form noch nie dagewesen. Was mir von Anfang an sehr wichtig war: den Kontakt zu halten, mit den Menschen verbunden zu bleiben. Wir haben daraus ein richtiges Projekt gemacht: „Verbunden bleiben“. Dazu gehört, dass wir mit den Menschen telefonieren, ihnen E-Mails schreiben, sogar Pakete schicken. Wir fahren auch zu den Menschen, um mit ihnen zu sprechen – alles mit Sicherheitsabstand versteht sich. Dieses Gefühl bleibt hoffentlich auch nach der Krise: Man hilft sich, man unterstützt sich, man schaut über den eigenen Tellerrand, um für andere da zu sein.

Schlie: Das stimmt. Ich glaube sogar, dass unterm Strich viel Gutes bleibt. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass man auch in Deutschland Urlaub machen kann. Oder für eine zweistündige Konferenz wirklich nicht quer durch Deutschland fliegen muss. Die Pandemie hat uns geerdet, auch im Beruf. Wir haben heute zum Glück die Technologie, um uns stärker auf uns und unsere Mitmenschen zu besinnen. Wir sollten stärker filtern, was uns wichtig und was überflüssig ist. Welche Lehren wir aus dieser Pandemie ziehen, liegt also allein in unserer Hand.

Spektrum 2019 Interview, Vogelperspektive

„Ich wünsche mir, dass wir auch nach der Krise mehr für unsere Mitmenschen da sind."