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Teil 1

Interview
Thies Merkel
und Ludwig Beckmann

Herr Merkel, Herr Beckmann, wie haben Sie persönlich die ersten Tage und Wochen der Pandemie erlebt?

Thies Merkel: Ich habe das Geschehen natürlich in den Medien verfolgt. Aber in keiner Weise hätte ich gedacht, dass das Virus in so kurzer Zeit in unseren Einrichtungen ankommt und solche extremen Auswirkungen hat. Diese massiven Einschränkungen von jetzt auf gleich – das habe ich nicht kommen sehen. Die ersten Tage waren entsprechend ein Stück weit chaotisch. Aber sehr schnell hatte das Lebenshilfewerk einen Pandemiestab gebildet, der uns Halt gab. Auch wenn nicht immer alle Fragen beantwortet werden konnten – es gab jetzt eine Institution, die zuständig war und an die man sich wenden konnte.

Ludwig BeckmannIch kann mich auch gut an die erste Zeit erinnern. Anfang Dezember hörte ich von dem Ausbruch in China. Im Kollegium sprachen wir damals darüber, aber China – das ist ja weit weg! Ich selbst war da noch völlig entspannt. Irgendwann im Januar und Februar wurde es ernster. Und Anfang/Mitte März war es dann so weit: Wir mussten schließen. Das hat uns als Werkstatt sehr plötzlich getroffen, die Info kam übers Wochenende. Als Einrichtungsleiter steht man da und fragt sich: Wie soll das funktionieren? Ich bin also am Samstag in die Werkstatt gefahren, habe versucht, alle Wohneinrichtungen anzurufen und zu informieren, dass wir einen kompletten Lockdown haben. Besonders im Gedächtnis ist mir der Montag geblieben: Es herrschte eine ganz seltsame Stimmung, fast etwas gespenstisch. Von den knapp 200 Beschäftigten, die hier normalerweise arbeiten, waren vielleicht 30 da, die etwas verloren und verunsichert vor der Tür standen und wieder nach Hause geschickt werden mussten. Das hatte den Charakter eines Endzeit-Science-Fiction- Filmes. In den nächsten Tagen mussten wir viel organisieren. Viele MitarbeiterInnen, die in der Werkstatt keine Betreuung mehr leisten konnten, haben stattdessen in den Wohnstätten ausgeholfen – dort gab es jetzt erhöhten Betreuungsbedarf, weil die Menschen nicht mehr zur Arbeit gegangen sind und dort den ganzen Tag betreut werden mussten. Aber gerade die Menschen, die allein wohnen, hatten sehr mit Einsamkeit und Langeweile zu kämpfen und wollten so gern wieder zur Arbeit kommen. Also haben wir eine Notgruppe aufgebaut, für die wir unheimlich viele Anfragen erhielten. Daran habe ich noch einmal gesehen, wie wichtig ein strukturierter Tagesablauf und die Arbeit für viele Menschen mit Behinderung sind.

Wie ging es Ihnen selbst? Hatten Sie Angst?

Merkel Ich selbst hatte keine großen Ängste, aber natürlich ist auch der Arche- Hof eine Werkstatt. Viele Menschen, die bei uns auf dem Hof arbeiten, leben dort nicht, sondern kommen morgens ganz normal zur Arbeit und gehen abends nach Hause. Ich auch. Diesen Unsicherheitsfaktor gab es – und es gibt ihn bis heute. Ich selbst habe kleine Kinder, die – sollten sie erkranken – möglicherweise keine Symptome haben. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass ich das Virus möglicherweise einschleppe. Natürlich haben wir uns an alle AHAL-Regeln gehalten, aber man weiß ja, dass das kein hundertprozentiger Schutz ist. Aber Angst? Nein, echte Angst hatte ich nicht. Wir waren einfach sehr vorsichtig.

Beckmann Persönlich bin ich wohl ein bisschen abgebrüht. Mich hat die Situation nicht so sehr belastet. Ich bin positiv und optimistisch. Ich halte mich natürlich an alle Hygieneregeln und sorge mich um Beschäftigte und MitarbeiterInnen. Um mich selbst habe ich aber eigentlich keine Angst.

Gab es Quarantäne- oder sogar Corona-Fälle bei Ihnen?

Beckmann Tatsächlich hatte sich ganz am Anfang der Pandemie – noch vor dem Lockdown – eine Kollegin im Urlaub infiziert. Das war unser einziger Corona-Fall. Es gab darüber hinaus noch einen Verdacht, und eine Gruppe von 20 Personen musste für zehn Tage in Quarantäne. Ansonsten haben wir Glück gehabt.

Merkel Es gab während des Lockdowns ja ein Betretungsverbot. Das heißt, dass WohnstättenbewohnerInnen prinzipiell nicht in eine Werkstatt gehen durften. In einer Hofgemeinschaft wie unserer ist das natürlich schwierig umzusetzen und für die BewohnerInnen kaum zu verstehen. Warum dürfen manche Menschen, die in der Notbetreuung waren, von außen kommen, aber ich, die ich hier wohne, darf nicht einmal einen Stall betreten? Auf der anderen Seite hatte der Hof auch Vorteile, weil er Außenarbeitsbereiche hat, die sehr weitläufig sind. Dort ließen sich die Regeln viel besser umsetzen. Und ja, wir hatten auch Corona auf dem Hof. Ein Beschäftigter hatte sich infiziert und wurde von uns positiv getestet. Das hatte natürlich Quarantäne zur Folge: Von unseren 40 Beschäftigten mussten sich 25 isolieren, hinzu kamen zwei Betreuungskräfte. Mit denjenigen, die übrig blieben, mussten wir dann für zwei Wochen den Hof bewirtschaften. Andererseits war es für uns auch Bestätigung, dass unsere Hygieneregeln funktionieren, denn der junge Mann mit Corona hatte zum Glück niemand anderen auf dem Hof infiziert.

Was fiel Ihnen in der Pandemie-Zeit besonders schwer?

BeckmannEine große Herausforderung waren die ständigen kurzfristigen Änderungen der Gesetzgebung, die außerdem oft am Wochenende beschlossen wurden. Als Werkstattleiter habe ich am Sonntag erfahren, was ich am Montag umsetzen sollte. Und das musste ich dann ja auch noch den Menschen mit Behinderung und allen KollegInnen vermitteln. Das war für mich persönlich wohl eine der größten Herausforderungen.

Merkel Für mich war schwer mitanzusehen, wie die Beschäftigten, die ihre Tagesstruktur verloren hatten, darunter litten. Auf dem Arche-Hof waren wir sehr nah dran an den Menschen, die dort sowohl leben wie auch arbeiten. Und wir konnten sehen, wie überaus schlecht dem einen oder anderen die Veränderungen taten. Einige sind in ihrer Entwicklung stagniert oder haben sogar leichte Rückschritte gemacht. Und wenn man dann um die Lebensumstände von anderen Menschen weiß, die zu Hause wohnen und vielleicht nicht das beste Netzwerk haben – da macht man sich schon ein Stück weit Sorgen um die Leute. Wir haben natürlich so gut wie möglich Kontakt gehalten, oft telefoniert. Und ja – wie Herr Beckmann sagte: Die kurzfristigen Änderungen waren eine Herausforderung. Denn man muss etwas kommunizieren, das man selbst nicht verantwortet und nur weitergibt. Die Fragen, die Frustration, das Unverständnis muss man dann aushalten. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, aber zu Beginn war es schwierig.

BeckmannWährend des Lockdowns Kontakt zu halten, war wirklich sehr, sehr wichtig. Teilweise hatten wir kleine Whats-App-Gruppen, die Beschäftigten haben zu Hause Fotos gemacht, Videos geschickt. Die KollegInnen haben sich ausgetauscht und per WhatsApp oder Video-Chat immer wieder Kontakt aufgenommen. Wer dann hier war, musste sich natürlich an viele Schutzmaßnahmen halten. Abstand, Hygiene, Hände desinfizieren, Laufwege einhalten – ich muss ehrlich sagen, dass die Beschäftigten das alles wunderbar und sehr gewissenhaft umgesetzt haben.

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Teil 2

Sind die Werkstätten jetzt wieder vollständig geöffnet?

BeckmannJa, seit Ende Juli können wieder alle zu uns kommen, und die Unterschiede sind sehr deutlich. Ein Beispiel: Vor Corona hat ein Kollege vielleicht 18 Beschäftigte betreut. Durch den Wechselbetrieb, den wir in den letzten Wochen hatten, waren nur ca. zehn bis 15 Menschen in der Gruppe. Es war wesentlich ruhiger, und die MitarbeiterInnen hatten mehr Zeit, sich um die Bedürfnisse, Probleme und Sorgen zu kümmern. Das hat sich positiv bemerkbar gemacht. Wir haben Rückmeldungen von Eltern bekommen, die diese Veränderung ebenfalls wahrnahmen und erzählten, dass ihr Sohn jetzt viel entspannter und glücklicher wirkt. Das hat mich ein bisschen getroffen – auch wenn man es vielleicht hätte ahnen können. Die Frage ist, ob wir davon etwas in unseren Alltag unter Normalbedingungen überführen können. Wir haben natürlich einen festen Personalschlüssel, der lässt sich auch nicht so einfach verändern. Jetzt gilt es, Ideen zu entwickeln – denn klar ist: Für viele Menschen wäre es besser, wenn die Gruppen kleiner wären.

Merkel Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch mit dem Gruppenleiter der Landwirtschaft und mit zwei Beschäftigten, die erzählt haben, wie gut ihnen die Zeit getan hat, als weniger Menschen pro Gruppe betreut wurden. Die Beschäftigten haben zurückgemeldet, dass es ein schöneres und persönlicheres Arbeiten war. Der Gruppenleiter war ruhiger, ausgeglichener. Diese positiven Erfahrungen wollen wir versuchen mitzunehmen – auch die kleinen Dinge, die wir wiederentdeckt haben. Wir konnten zum Beispiel nicht bowlen oder schwimmen gehen, also haben wir abends ein Feuer gemacht oder Tischtennis gespielt. Das sind kleine, neue Rituale, die uns ans Herz gewachsen sind.

Gibt es Momente, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

BeckmannJa, der erste Tag nach dem Lockdown. Die Freude der Menschen, das war wie ein kleines Fest, wie ein Event. Die Gesichter zu sehen und wie sich alle gegenseitig begrüßt haben. Die Beschäftigten waren so glücklich, wieder hier sein zu dürfen.

Merkel Mich hat berührt, wie alle füreinander einstanden und sich gegenseitig auch bei unangenehmen Dingen geholfen haben. Trotz mancher Differenzen haben alle im Großen und Ganzen an einem Strang gezogen.

Welches Fazit ziehen Sie aus der bisherigen Zeit?

Beckmann Jede negative Situation bringt auch immer etwas Positives mit sich. Wir mussten uns neu organisieren und hatten viele Einschränkungen zu erdulden. Aber diese Zeit hat uns auch gezwungen, manches neu zu denken. Technische Hilfsmittel wie Zoom zum Beispiel waren vorher gar kein Thema und gehören jetzt zum Alltag. Ich muss nicht mehr stundenlang von A nach B fahren, ich spare mir den Stress und die Zeit. Auch mobiles Arbeiten und Homeoffice sind jetzt viel eher ein Thema. Es sind heute Dinge möglich, von denen man vorher gedacht hat, sie gingen nicht. Auch der Zusammenhalt der Beschäftigten und der KollegInnen untereinander hat sich verbessert. Das Team ist noch enger zusammengerückt.

MerkelDas kann ich bestätigen. Ich denke auch, dass wir als Arche-Hof und auch als Lebenshilfewerk im Ganzen eher gestärkt herausgehen..

Kenn
zahlen
2020

Kennzahlen 2020

198
Beschäftigte arbeiten 2020 in den Geesthachter Werkstätten
Beschäftigte Personen in den Tagesförderstätten:
71
+1
Beschäftigter kam im Jahr 2020 in dem Atelier und der Näh-Werkstatt in Hagenow dazu
Beschäftigte auf dem Arche Hof:
+4

Zitate

 

Ich wünsche mir, dass wir bald mal die Masken abschaffen. Das ist ja eine Qual in der Firma, wo wir auch mit Maske arbeiten müssen.

Claus-Peter Helmke
Beschäftigter Geesthachter Werkstätten, betreut durch das Ambulant Betreute Wohnen

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir die Masken loswerden – und mehr Gehalt!

Tanja Retzlaff-Ratzau
Beschäftigte Café Flora

Ich mochte das Fernsehen gar nicht mehr anmachen. Dort kam nur rund um die Uhr Corona, Corona, Corona, egal auf welchem Sender. Das konnte ich irgendwann nicht mehr hören!

Guido Burmeister
Beschäftigter Café Marie

Man wusste nie: Was passiert in den nächsten Tagen? In den nächsten Stunden? Die Anspannung war ständig da.

Elisa Grabowski
Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung Café Sophie

In der Corona-Zeit haben Elisa und ich viele neue Rezepte ausprobiert. Und Rollenspiele gemacht, um im Service besser zu werden und die Corona-Regeln bei den Kunden durchzusetzen. Ich habe viel Neues gelernt.

Anika Rohde
Beschäftigte Café Sophie

Es gab eigentlich so viel zu tun – und dann kam Corona und hat uns aus dem vollen Lauf gestoppt.

Antje Prolingheuer
Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung Café Sophie

Ich wünsche mir, dass Fußball wieder stattfindet.

Mirko Späth
Beschäftigter Café Sophie

Mir hat die Arbeit im Café sehr gefehlt. Und die Kunden!

Pascal Lemmermann
Beschäftigter Café Sophie