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Teil 1

Interview
Dörte Horstmann, Irene Drews,
Angelika Bobzien und Karl Lange

Frau Bobzien, erzählen Sie uns, wie Sie sich am Anfang gefühlt haben, als durch die Pandemie plötzlich Ihr Leben auf dem Kopf stand?

Angelika Bobzien: Mir ging es nicht so gut. Es haben die Freunde gefehlt. Ich bin ja in Rente und in der Senta (Senioren-Tagesstätte). An dem Tag hatte ich Geburtstag, da mussten wir schon zu Hause bleiben. Eigentlich wollte ich eine Geburtstagsfeier machen – aber es kam anders.

Wie haben Sie sich in der Corona-Krise die Zeit vertrieben?

BobzienIch habe meistens viel Fernsehen geguckt und wir haben hier auch viel Kaffee getrunken. Auch im Garten waren wir oft. Mit den Leuten aus der Wohngruppe ging das ja, mit Abstand und draußen.

Und wie war das bei Ihnen, Herr Lange?

Karl Lange Mir haben meine Verwandten gefehlt. Wir konnten nicht wirklich rausgehen und mussten mit den BetreuerInnen zur Bank und zum Einkaufen fahren. Also, mir hat auch einiges gefehlt. Aber das Masketragen hat mich nicht so gestört, das ist schon in Ordnung so.

Frau Horstmann, Frau Drews, wie haben Sie den Anfang der Pandemie erlebt?

Dörte Horstmann Ich habe den Beginn der Pandemie in Deutschland wohl etwas anders erlebt als die meisten, denn ich wurde drei Tage vor dem Lockdown noch operiert und habe mir nach der Entlassung aus dem Krankenhaus selbst 14 Tage Quarantäne verordnet. Ich war auch von meiner Familie abgeschottet. Das war seltsam, weil ich sonst immer der Dreh- und Angelpunkt in der Familie bin. Außerdem habe ich viel an die Arbeit gedacht, weil ich wusste, dass dort jetzt alles anders lief als zuvor. Ich war zu Hause und habe ständig gedacht: Was machen sie? Was ist da los? Denken sie an dieses? Brauchen sie jenes? Wo kriegen sie das her? Ich war wirklich ein bisschen angespannt. Als ich dann wieder hierherkam, war alles anders. Das Haus war dasselbe, die Leute waren dieselben, sonst hatte sich aber so viel verändert. Normalerweise sind viele tagsüber bei der Arbeit, jetzt waren alle zu Hause und hatten unheimlichen Redebedarf. Außerdem hatte sich unser eigentlich so wohnliches Haus sehr verändert: Überall waren Desinfektionsstationen, wir waren zeitweise fast von der Außenwelt abgeschottet, alles wirkte sehr steril. Daran musste man sich erst einmal gewöhnen.

Irene Drews Ich bin generell ein Mensch, der ein bisschen Sicherheit braucht. Gerade am Anfang gab es die gar nicht, alles war in der Schwebe, niemand wusste, wie gefährlich das Virus wirklich ist. Der Pandemiestab im Lebenshilfewerk hat uns gut mit Informationen und Schutzausrüstung versorgt – aber trotzdem gab es eine gewisse Unsicherheit. Im Hinterkopf hatte ich die Angst, dass das, was wir tun, nicht ausreicht. Gleichzeitig musste ich als Führungskraft Zuversicht ausstrahlen. Das war für mich persönlich mitunter sehr schwierig. Mich hat die Angst begleitet, dass sich jemand bei uns im Haus durch einen Fehler meinerseits ansteckt. Ich musste sehr an mir arbeiten, um dieser Angst nicht die Kontrolle zu geben. Und ich habe nicht sonderlich gut geschlafen in dieser Zeit.

Gab es einen Moment, der für Sie besonders einschneidend war?

Drews Ich denke, der schlimmste Moment war, als feststand, dass wir in unserer Einrichtung den Zutritt Dritter unterbinden mussten, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Das war eine Vorgabe in einer Allgemeinverfügung, keine interne Entscheidung. Wir mussten tatsächlich Bauzäune aufstellen, so dass niemand kommen oder gehen konnte, ohne dass wir davon wussten. Das war ein bedrückender Moment für mich, denn als Lebenshilfewerk wollen wir ja eigentlich das Gegenteil: die Menschen befähigen, selbstständig zu handeln, ihr Leben selbst zu bestimmen und offen mitten hinein in die Gesellschaft zu gehen. Und ich muss einen Zaun hochziehen, der genau das verhindert. Das war fürchterlich. Darüber hinaus war ja selbst der Kontakt innerhalb der Familie nicht mehr möglich – ein wichtiger Faktor, denn die Familie gibt Sicherheit und Geborgenheit. Wir haben versucht, das ein wenig aufzufangen, aber es war doppelt schwer. Denn es sind nicht nur die menschlichen Berührungen weggefallen – die Umarmungen, das Lächeln –, sondern auch die Gemütlichkeit der Wohnräume. Es gab keine Tischdecken mehr, kein nettes Beisammensein mit Speisen auf dem Tisch, bei dem jeder selbst zugreifen und sich bedienen konnte. Stattdessen müssen wir auch jetzt noch das Essen zureichen – aus hygienischen Gründen. Diese Harmonie, die Unbeschwertheit – das haben wir noch immer nicht ganz zurück. Irgendwann waren dann Familienbesuche wieder möglich – mit Hygienekonzept und in der anfänglichen Zeit mit Plexiglas zwischen den Personen. Das zu sehen, hat mir manchmal den Atem genommen, wenn ich ehrlich bin. Das brauche ich nicht noch einmal.

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Teil 2

Gibt es auch positive Erinnerungen aus der Pandemie-Zeit?

BobzienAls die Senta wieder losging! Wir waren zwar noch in getrennten Gruppen, aber zumindest ging es wieder los.

DrewsEs gab ganz viele positive Dinge! Weil wir alle BewohnerInnen den ganzen Tag betreut haben, haben uns andere LHW-MitarbeiterInnen – zum Beispiel aus den Werkstätten vor Ort – unterstützt und den BewohnerInnen vieles ermöglicht, was wir allein nicht hätten leisten können: Spiele, Beschäftigung, Musik, Spaziergänge. Hier kann ich mich nur noch einmal bei den KollegInnen bedanken. Wir haben Pizza bestellt oder Döner für alle geholt und Musik- oder Theater-Veranstaltungen in den Gärten organisiert. Diese kleinen Dinge und die Freude darüber – das war schön. Als man dann wieder draußen ein wenig feiern durfte, haben wir ein kleines internes Sommerfest veranstaltet. Das war für alle BewohnerInnen ein kleines Stück zurück zur Normalität. Mittlerweile dürfen die BewohnerInnen auch wieder ihre Familien besuchen bzw. Besuch empfangen. Sie sind geimpft, können sich im Haus testen lassen. Ein gewisser Schutz ist jetzt da. Das erleichtert alles ein wenig.

Nehmen Sie aus dieser schwierigen Zeit etwas mit? Haben Sie vielleicht etwas über sich selbst gelernt?

BobzienIch habe gelernt, mit so einer schwierigen Situation umzugehen.

Lange Klar, dass man sich, wenn man nach Hause kommt, sich die Hände wäscht. Das mache ich alles, da bin ich vorsichtig.

Horstmann Ich habe gelernt, dass man seine Arbeit auch schafft, wenn man alles ein wenig entschleunigt. Corona hat gezeigt, was alles passieren kann und wie schlecht es manchen geht. Es hilft mir, Kleinigkeiten nicht an die erste Stelle zu stellen – wenn zum Beispiel die Teller nicht so schnell weggeräumt sind. Die Arbeit wird dadurch etwas stressfreier. Wir haben jetzt alle gesehen, wie das Stresslevel durch Corona hochgeschnellt ist – dagegen ist doch die „normale“ Arbeit ganz entspannt. Man setzt einfach andere Prioritäten.

DrewsIch habe gelernt, Hilfe anzunehmen. Das Lebenshilfewerk ist ein großes Unternehmen und unter den Leitungskräften konnte man sich gut austauschen und von den Erfahrungen lernen. Ein Pandemiestab wurde einberufen und auch dort hat man jederzeit Unterstützung bekommen. Das gab mir ein Stück weit Sicherheit – und diese Sicherheit tat mir gut. Ich selbst habe noch mehr gelernt, die kleinen Dinge wertzuschätzen: den Garten, die Umgebung, den See in der Nähe. Zu sagen: Ach Mensch, wie schön ist doch ein Sonnenuntergang hier bei uns zu Hause.

Kenn
zahlen
2020

Kennzahlen 2020

+11
Klienten und Kientinnen im ambulant betreuten Wohnen
Personen, die 2020 in den Senioren-Tagesstätten betreut wurden:
22
211
Bewohner und Bewohnerinnen in den Wohnstätten

Zitate

 

Als die Leute angefangen haben, Vorräte zu kaufen und richtig zu hamstern – das war eine schöne Bescherung!

Katja Paur
Beschäftigte Geesthachter Werkstätten, betreut durch das Ambulant Betreute Wohnen

Das Schönste am Tag war die Wertschätzung und Dankbarkeit der KlientInnen

Jaqueline Voosen
Mitarbeiterin Ambulant Betreutes Wohnen Gadebusch

Corona hat viel verändert. Man konnte keinen Besuch bekommen, nur telefonieren. Hätte es kein Telefon gegeben, wäre ich verrückt geworden.

Astrid Knaape
Bewohnerin Pflege- und Fördereinrichtung Hagenow und Heimbeiratsvorsitzende

Während Corona war es mir zu langweilig. Man konnte nicht arbeiten und musste immer zu Hause bleiben.

Jörg Eisfeld
Beschäftigter Geesthachter Werkstätten, betreut durch das Ambulant Betreute Wohnen